Wir schauen uns heute mal an, warum Männer uns Frauen beim Investieren abhängen und wie das schon in der Kindheit beginnt.
Wenn Geld Männersache ist
Du sitzt am Küchentisch. Vor dir liegen Kontoauszüge, Versicherungspapiere, ein Brief der Rentenversicherung. Du weißt: Du solltest dich damit beschäftigen. Du weißt auch: Du schiebst es schon seit Wochen vor dir her.
Vielleicht kennst du das Gefühl. Dieses diffuse Unbehagen, wenn es um Geld geht. Nicht ums Ausgeben – ums Vermehren. Ums Investieren. Ums Planen für später.
In Deutschland investieren 23,4 Prozent der Männer in Aktien. Bei Frauen sind es 13,3 Prozent. Fast doppelt so viele Männer wie Frauen trauen sich an den Aktienmarkt. Das ist kein Zufall.
Die Lücke, von der niemand spricht
Eine aktuelle Studie der Universität Mannheim zeigt: Der Gender Investment Gap liegt bei 14,6 Prozentpunkten. Über 2.000 Menschen wurden befragt. Das Ergebnis überrascht – und erschreckt zugleich.
Denn die Lücke beginnt nicht erst, wenn wir erwachsen sind. Sie beginnt in der Kindheit. In Gesprächen, die stattfinden – oder eben nicht. Bei Vorbildern, die da sind – oder fehlen.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: 28,4 Prozent der Männer berichten, dass ihre Eltern aktiv mit ihnen über Geld sprachen. Bei Frauen sind es nur 24,8 Prozent.
Noch deutlicher wird es bei regelmäßigen Finanzgesprächen in der Familie: 28,6 Prozent bei Männern, 24,2 Prozent bei Frauen.
Vier Prozentpunkte. Das klingt nach wenig. Aber dieser kleine Unterschied zieht sich durch unser gesamtes Leben.
Was uns die Forschung zeigt
Die Forscherinnen Alexandra Niessen-Ruenzi und Vanessa Müden von der Universität Mannheim haben erstmals systematisch untersucht, welche Rolle die finanzielle Sozialisation für den Gender Investment Gap spielt.
Ihre Erkenntnis: Es liegt nicht an uns. Es liegt daran, wie wir aufgewachsen sind.
Die IHS-Studie aus Österreich bringt den strukturellen Rahmen ans Licht: Frauen verdienen in Deutschland im Durchschnitt 18 Prozent weniger als Männer – selbst bei gleicher Arbeit.
Die Rentenlücke ist noch dramatischer: 26 Prozent bei der gesetzlichen Rente. Bezieht man betriebliche und private Altersvorsorge mit ein, liegt der Gender Pension Gap bei 59,6 Prozent.
Frauen arbeiten häufiger in Teilzeit (49,6 Prozent der Frauen, 11,6 Prozent der Männer), unterbrechen ihre Erwerbsbiografie für Kinder oder Pflege, haben durchschnittlich zwölf Jahre weniger Erwerbsjahre.
Am Ende steht eine Rente, die knapp über der Armutsgrenze liegt.
Jede fünfte Frau in Deutschland ist von Altersarmut bedroht. Bei Männern ist es jeder Sechste.
Und dann kommt noch die Investment-Lücke dazu.
Was uns niemand beigebracht hat
Die Mannheimer Studie zeigt: Wir Frauen wachsen seltener mit finanziellen Vorbildern auf. Nur 8,6 Prozent aller Befragten konnten überhaupt ein finanzielles Vorbild benennen.
Wenn Männer nach ihrem finanziellen Vorbild gefragt werden, nennen sie Warren Buffett, Elon Musk, ihren Finanzberater. Frauen nennen ihren Vater, ihre Mutter, ihren Partner – oder niemanden.
Auch im Freundeskreis zeigt sich der Unterschied: 51,2 Prozent der Männer kennen Freunde, die in Aktien investieren. Bei Frauen sind es nur 38,4 Prozent.
24 Prozent der Männer sprechen regelmäßig mit Freunden über den Aktienmarkt – bei Frauen sind es nur 10 Prozent.
Wir werden seltener ermutigt. Wir sehen seltener, wie andere Frauen es tun. Wir reden weniger darüber.
Und in der Schule? Nur 16,1 Prozent der Frauen geben an, dort hilfreiche Finanzkompetenzen erworben zu haben. Bei Männern sind es 25,6 Prozent.
Was diese Lücke mit uns macht
Die Folgen dieser unterschiedlichen Sozialisation sind messbar. Bei Finanzwissens-Tests beantworten 54,6 Prozent der Männer alle drei Standard-Fragen zu Zinseszins, Inflation und Risikostreuung korrekt – aber nur 36,3 Prozent der Frauen.
Besonders dramatisch ist das Unwissen beim Thema Risikostreuung: Nur jede zweite Frau weiß, dass ein Aktienfonds sicherer ist als eine Einzelaktie. Bei Männern sind es fast zwei Drittel.
Aber es geht nicht nur um Wissen. Es geht auch um Selbstvertrauen. Bei der Frage nach Zinseszins gaben 12,5 Prozent der Frauen an, die Antwort nicht zu wissen. Bei Männern waren es nur 6,3 Prozent.
Beim Thema Risikostreuung sagten 45,5 Prozent der Frauen “weiß nicht” – aber nur 27 Prozent der Männer.
Die Forscherinnen bringen es auf den Punkt: “Frauen wissen weniger als Männer, aber sie wissen mehr, als sie zu wissen glauben.”
Wir haben weniger Wissen. Und noch weniger Vertrauen in das Wissen, das wir haben.
Warum finanzielle Sozialisation alles verändert
Die Mannheimer Studie zeigt einen entscheidenden Zusammenhang: Finanzielle Sozialisation in der Kindheit beeinflusst die Investitionsentscheidungen von Frauen stärker als die von Männern.
Frauen, die in Haushalten aufwuchsen, in denen beide Eltern arbeiteten, investieren später häufiger in Aktien.
Frauen, die eine arbeitende Mutter hatten, investieren häufiger.
Frauen, die regelmäßig in Finanzgespräche einbezogen wurden, investieren häufiger.
Frauen, die ein finanzielles Vorbild benennen können, investieren häufiger.
Bei Männern ist dieser Zusammenhang schwächer. Ob sie eine arbeitende Mutter hatten oder regelmäßig über Geld sprachen, spielt für ihre spätere Anlageentscheidung kaum eine Rolle. Sie investieren ohnehin häufiger – vermutlich, weil sie kulturell stärker als “zuständig” für Geld sozialisiert wurden.
Bei Frauen hingegen macht die frühe Sozialisation den entscheidenden Unterschied.
Die Studie zeigt auch: Peer-Effekte wirken – und zwar bei beiden Geschlechtern gleich stark. Frauen, die Freundinnen oder Kolleginnen kennen, die investieren, trauen sich selbst eher.
Frauen, die sich mit anderen über Geld austauschen, gewinnen an Sicherheit.
Aber hier liegt das Problem: Diese Peer-Effekte sind bei Frauen von vornherein schwächer. Wir kennen weniger Frauen, die investieren. Wir reden seltener darüber. Die positiven Effekte greifen also später – oder gar nicht.
Was das für uns bedeutet
Das Problem liegt nicht bei uns. Es liegt in den Strukturen, in denen wir aufgewachsen sind. In den Gesprächen, die nicht mit uns geführt wurden. In den Vorbildern, die uns fehlten. In den Schulen, die das Thema ausklammerten.
Aber genau deshalb können wir etwas ändern.
Die Studien zeigen: Finanzielle Bildung wirkt. Aber nur, wenn sie uns erreicht. Und zwar nicht erst mit 50, wenn die Rentenlücke schon da ist, sondern früh. In der Schule. Zu Hause. Im Freundeskreis.
Wir können mit unseren Töchtern über Geld sprechen – genauso wie mit unseren Söhnen. Wir können mit Freundinnen über Investitionen reden. Wir können uns selbst das Wissen aneignen, das uns vorenthalten wurde. Wir können Vorbilder sein für andere Frauen.
Denn die Zahlen zeigen auch: Wenn eine Frau investiert, ermutigt sie andere. Jedes Gespräch über Geld schließt die Lücke ein Stück weit.
Nach drei Jahrzehnten hätte der DAX eine durchschnittliche Jahresrendite von 7,5 Prozent gebracht. Wer nicht investiert, lässt dieses Potenzial liegen – und verstärkt damit die ohnehin bestehenden finanziellen Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern.
Eine Frage an dich
Wurde in deiner Familie über Geld gesprochen? Hattest du finanzielle Vorbilder? Kennst du Frauen, die investieren – und falls ja, hast du sie schon mal gefragt, wie sie angefangen haben?
Denn jedes Gespräch über Geld ist ein Schritt, um die Lücke zu schließen. Für uns. Und für die nächste Generation.
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